3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001
"Geheimgesellschaften" in der VR China: Spirituell-religiöse
Bewegungen seit 1978 - Entstehung, Entwicklung und Interaktion mit dem Staat
von Kristin Kupfer, Zentrum für Ostasien-Pazifik-Studien, Universität
Trier
1. Historische Dimensionen von Geheimgesellschaften
Die Wurzeln der geheimgesellschaftlichen Tradition in China lassen sich
bis zum "Weg des höchsten Friedens" (Taipingdao-Bewegung) der östlichen
Han-Dynastie (25-220) zurückverfolgen. Im Laufe der Jahrhunderte haben
sich Organisationsprin-zipien der chinesischen Gesellschaft (Familien-
und Clanstrukturen; Meister-Schüler-Beziehungen) sowie die Vielfalt von
vorhandenen chinesischen und auslän-dischen religiösen Konzepten (vom
Buddhismus bis zum Manichäismus) kaleido-skopartig in immer neuen geheimgesellschaftlichen
Gruppen zusammengesetzt. So entstand ein Nährboden, der aufgrund der wirtschaftlichen,
sozialen und kulturellen Umbrüche in der Ming- und Qing-Zeit in voller
Blüte stand5
.
Zentrale Elemente von Geheimgesellschaften kennzeichnen auch die neuen
spirituell-religiösen Bewegungen:
- Charismatische Führer, die sich zwischen "messianischer Selbst-Überzeugung
und scharlatanischem Dienst für sich selbst"6
als Erlösergestalten präsentierten. Namen und Titel wie "lebender Buddha",
"Jesus" oder auch "Kaiser der Han- und Ming-Dynastie" spiegeln nicht
nur eine spirituell-religiöse sondern auch weltlich-politische Dimension
wider.
- Organisation: Flexible Meister-Schüler-Banden oder familiäre Clan-Strukturen.
Diffusion und Fragmentierung dienten den Geheimgesellschaften als Schutz
vor staatlicher Aufdeckung oder Verhaftung. Sie verlagern den Standort
ihrer Aktivitäten, wechselten ihren Namen, um Kontinuitäten zu verwischen,
und blieben selbst mit verhafteten Mitgliedern in Kontakt7
. Komplexe Hierarchien fungierten als "alternative ladder of success,
available for everyone", die neben einer materiellen Grundlage vor allem
das Bedürfnis nach Anerkennung und Prestige be-friedigten (Overmyer
1981: 165).
- Lehre: Viele Geheimgesellschaften beriefen sich auf eine Einheit aller
religiösen Vorstellungen (san/fujiao gui yi), ihre Lehre hatte
dementsprechend einen hochgradig synkretistischen Charakter. Besonders
wichtig war ein spirituelles Heils- und Erlösungsversprechen: Nur gläubige
Anhänger werden am Ende der letzten Ära der drei Kalpas, welche durch
die Ankunft des Maitreya-Buddhas gekennzeichnet ist und als Folge eines
moralischen Verfalls alles Leben vernichtet, von ihrem Leid erlöst;
sie dürfen zurückkehren in ein paradiesische Reich der "Unge-borenen
Urmutter" (wushenglaomu).
Die Ming-Dynastie und speziell die als feindliche Fremdherrschaft betrachtete
Qing-Dynastie empfanden die Geheimgesellschaften als organisatorische
und ideologische Bedrohung. Einzelne staatliche Akteure gingen aufgrund
struktureller Gegebenheiten (niedriges Gehalt der staatlichen Beamten)
und persönlicher Motive (Machtgewinn, Reichtum, Rachefeldzug) Tauschbeziehungen
mit Geheimgesellschaften ein. Restriktive Maßnahmen des Staates konnten
geheimgesellschaftliche Aktivitäten nicht unterbinden, sondern führten
zu einer Aufsplitterung in zunehmend undurchsichtigere Gruppierungen und
begünstigten Rebellionen gegen die Regierung8
.

|