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    THEMEN > Politik und Gesellschaft > Religion und Glauben >
3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001

"Geheimgesellschaften" in der VR China: Spirituell-religiöse Bewegungen seit 1978 - Entstehung, Entwicklung und Interaktion mit dem Staat
von Kristin Kupfer, Zentrum für Ostasien-Pazifik-Studien, Universität Trier

- Einleitung
1. Historische Dimensionen von Geheimgesellschaften
2. Chanchu Huidaomen - Ausrottung von Geheimgesellschaften als Überbleibsel der "alten, feudalistischen Gesellschaft"
3. Religiöse Aktivitäten und administrative Gestaltung nach 1978
4. Spirituell-religiöse, christlich inspirierte Bewegungen der 90er-Jahre
5. Weiterführende Aspekte
- Literatur
- Fußnoten

Einleitung

Die Falungong-Bewegung (FLG) hält durch ihre opferbereite Anhängerschaft sowie eine Internetpräsenz, die ihr internationale Öffentlichkeit und ungehinderte Kommunikation verschafft, nicht nur die chinesische Regierung, sondern auch die westliche Welt in Atem. In einem Propagandafeldzug, den westliche Journalisten mit Massen-kampagnen der Kulturrevolution vergleichen1 , stigmatisiert die Regierung FLG als "die Menschheit verachtend", "noch nie da gewesene Schande" und sogar "eine Kraft der taiwanesischen Unabhängigkeit"2 .

FLG ist jedoch nur das prominenteste Beispiel eines tiefergehenden Phänomens. Seit den 80er-Jahren suchen eine Reihe von christlich beeinflussten, spirituell-religiösen Bewegungen ein organisatorisches und ideologisches Vakuum zu füllen, welches im Zuge des chinesischen Transformationsprozesses entstanden ist. Gekennzeichnet durch charismatische Anführer, einer teils komplexen und flexiblen Organisation sowie einer identitätsstiftenden Lehre stehen sie in der langen Tradition von geheimgesellschaftlichen Gruppen in China3 . Nicht nur aufgrund der historischen Implikationen zeigt sich die Regierung höchst besorgt und verunsichert: Seit den 50er-Jahren bemüht sie sich vergeblich um eine Kontrolle und Zurückdrängung geheimgesellschaftlicher und spirituell-religiöser Aktivitäten, die immer wieder selbst Mitglieder ihrer eigenen Partei in den Bann gezogen haben.

Die aktuelle Regierungspolitik gegenüber FLG erinnert in ihrer Mischung aus Repression, Beschuldigungen und Umerziehungsversuchen an Perzeptions- und Reaktionsmuster aus den 50er-Jahren. Innovativ ist lediglich die Verwendung von Begriffen und Argumenten aus der westlichen Sektendiskussion. Eine Ausweitung der Kampagne und Diskussion auf "häretische Gruppen" im allgemeinen sowie der Vergleich mit traditionellen Geheimgesellschaften macht deutlich, dass FLG auch für die Regierung ein altbekanntes und stets gefürchtetes Phänomen darstellt4 .

Aus diesem Grund versucht der vorliegende Beitrag, historische Wurzeln religiöser Bewegungen, ihre Verfolgung zu Beginn der VRC sowie den bislang wenig beachteten Kontext der zahlreichen spirituell-religiösen Bewegungen in den 80er- und 90er-Jahren darzustellen. Für eine systematischen Bestandsaufnahme und Einordnung der gegenwärtigen spirituell-religiösen Bewegungen ergeben sich schwerpunktmäßig folgende Fragenkomplexe:

Welche Verbindung besteht zwischen historischen Geheimgesellschaften und den neueren, spirituell-religiösen Bewegungen? Durch welche organisatorischen und religiösen Charakteristika sind traditionelle Geheimgesellschaften gekennzeichnet?

Welche Faktoren und Entwicklungen begünstigen ein Wiederaufleben bzw. eine Neuentstehung von religiösen Bewegungen? Welchen Stellenwert haben christliche Elemente?

Wie begegnet der Staat historischen und neuen religiösen Bewegungen? Welche Erklärungs- und Interaktionsmuster bestehen?

Welche Facetten geheimgesellschaftlicher Aktivitäten lassen sich im modernen China erkennen?

 

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