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Chinesische Musik
- von Blandina Brösicke
Musik und Kult
Seit frühester Zeit bildeten in China Musik und Kult eine Einheit. Die ältesten philosophischen und rituellen Texte belegen, dass Dichtung, Gesang und Tanz zusammen als kultische Äußerungen verstanden wurden, die der Beherrschung von Naturgewalten und der Harmonisierung des Menschen dienten. So wird auch die zweiteilige Bedeutung des chinesischen Wortes für Musik yinyue deutlich: Ton und Freude. Mit der Lehre des Konfuzius (551-479 v.u.Z.) wurde Musik als Teil einer Ethoslehre zur Vervollkommnung des Selbst in die Staatslehre integriert. Sie sollte die Fähigkeit haben, die Leidenschaften im Menschen zu beruhigen. Auch schrieb man der Musik die kosmologische Funktion zu, die Harmonie des Universums zu beeinflussen. So war es die Aufgabe eines jeden Herrschers einer neuen Dynastie, den wahren Grundton dieser Herrscherperiode zu finden und zu bestimmen.
Melodie und Klangfarbe sind die wichtigsten Ausdrucksmerkmale in der chinesischen Musik. Grundlegend findet man ein siebentöniges Skalensystem, jedoch ist die Skala der meisten Melodien halbtonlos pentatonisch. Die ältesten nachweisbaren Instrumente sind Blas- und Schlaginstrumente. Eine Knochenflöte wurde um 6000 v. Chr. gefunden. Spätere Funde enthielten Klangsteine, Glocken und diverse Flöten, sowie Zithern. Die diversen Lauten und Bogeninstrumente sind aus Zentralasien nach China gekommen.
Durch den häufigen Wechsel kleinerer Dynastien geriet China unter den Einfluß vor allem nördlicher und westlicher Völker. Als Höhepunkt dieses Austausches gilt die Tang-Dynastie (618-960), der gleichzeitig auch den Höhepunkt der säkularisierten Musik bildet, die sich allmählich von der dem Kult unterstellten Musik distanziert hatte. Der Herrscher Tai Zong hatte zehn Orchester, wovon acht aus Mitgliedern fremdländischer Völker bestanden. Desweiteren besaß der Hof eine enorme Anzahl an Musikern, die im Ausland praktizierten. So sind heute noch Teile der tangzeitlichen Hofmusik im japanischen gagaku zu finden.
Die neuere Entwicklung der Kunstmusik und die Popularmusik werden im folgenden nicht berücksichtigt.
1. Volkslied
Das Volkslied-Genre unterteilt sich in drei Gattungen, die sowohl im Norden als auch im Süden zu finden sind: Haozi (Arbeitslied), Shan'ge (Berglied) und Xiaodiao (Volksweisen). Die Volkslieder des Nordens werden als leidenschaftlich und frei bewegt angesehen, die des Südens dagegen als fein und sanft charakterisiert. Haozi werden oft von einer Arbeitsgruppe mit einem Vorsänger gesungen. Sie sind relativ einfach in der musikalischen Struktur, von energischem und bisweilen heroischem Charakter. Shan'ge dienten ursprünglich der Kommunikation auf weitere Entfernungen. Sie sind relativ kurz und von freiem Rhythmus und werden in hoher Stimmlage in vielfältigen Variationen gesungen. Xiaodiao werden zur Unterhaltung, zu Festen oder zu Ruhepausen gesungen. Sie sind am weitesten verbreitet und von relativ fester Form. Rhythmus und Melodie sind sehr lebendig.
2. Sprechgesang
Quyi oder Shuochang bezeichnet die Kunst des Sprechgesanges, von der es über 200 Arten in China gibt. Sie unterteilt sich in drei Gattungen: 1. Erzählung oder Rezitation ohne Gesang (z.B. Xiangcheng, Kuaiban), 2. Erzählung mit Gesang (Suzhou Tanci, Shanbei Shuo), 3. reiner Gesang (Danxuan Paizi, Sichuan Qingyin). Sprechgesang wird von professionellen oder semiprofessionellen Künstlern aufgeführt, die sich zum Teil selbst auf einem Instrument begleiten oder tanzen.
3. Oper
Die Musik, Sprache, Spiel, Tanz, Masken und Kampfkunst verbindende chinesische Oper ist eine vergleichsweise späte Entwicklung, die sich erst seit dem 12. Jh. herauszukristallisieren begann. Am bekanntesten ist im Westen die Pekingoper, die sich im 19. Jh. aus einer Synthese anderer Opernformen und Gesangsstile entwickelt hat. Jedoch gibt es insgesamt an die 360 lokale Operntypen. Die verschiedenen Saiten- und Blasinstrumente variieren je nach Region in der Wichtigkeit. Perkussionsensemble spielen überall eine große Rolle. Unterschiede in den lokalen Opern sind auch in den diversen Gesangsarten zu finden, die von den jeweiligen Dialekten geprägt sind. Die verschiedenen Rollen innerhalb einer Oper sind nicht nur an den festgelegten Masken und Kostümen zu erkennen, sondern auch an den stilisierten Stimmregistern, die von einer nasalierten Kopfstimme bis zu einer tiefen Bruststimme reichen. Wie alle künstlerischen Genre musste sich auch die Oper einer politischen Zensur unterziehen und brachte während der Mao-Ära eine Reihe von sogenannten Modell-Opern hervor, die ausschließlich im revolutionären Kontext standen. Inzwischen wird jedoch auch wieder die Tradition gepflegt.
4. Instrumentale Musik
Die häufigste Form instrumentaler Musik in China sind neben dem großen Repertoire für Soloinstrumente wie die Zither Qin, die Laute Pipa oder das zweisaitige Streichinstrument Erhu die Ensembles für Oboe und Perkussion, die vor allem in den ländlichen Regionen zu Festen und Zeremonien spielen. Sie heißen z.B. Luogu (Gong und Trommel), Guchui (Trommeln und Blasen), Chuida (Blasen und Schlagen). Eine grundlegende Unterscheidung wird hier zwischen Melodie- und Perkussion getroffen. Melodieinstrumente, die leitende Funktion haben können, sind: Suona (Oboe), Guanzi (Doppelrohrblatt), Dizi (Flöte) und andere Blasinstrumente wie Sheng (Mundorgel), Xiao (Langflöte). Im Süden können auch Zupf- und Streichinstrumente eine wichtige Position einnehmen. Verschiedene Perkussionskombinationen werden entsprechend ihrer melodischen Komponenten genutzt. Oboen-Ensembles verwenden meistens Trommeln, Zymbeln und Gongs. Seide- und Bambus-Genre, benannt nach der Art der Materialien der Instrumente, benutzen nur eine kleine Begleitung von Holzblock oder kleiner Trommel und Klappern, aber keine Doppelrohrblasinstrumente, sondern nur Flöten oder Mundorgel.
Religiöse Musik wird heute vornehmlich von Laien gespielt. Die buddhistischen und daoistischen Liturgien sind zum größten Teil vokal oder werden mit ritueller Perkussion begleitet. Prozessionen haben eher Volksmusikcharakter. Auch die Traditionen, die aus der Hofmusik herrühren, haben sich hauptsächlich in der Volksmusik erhalten.
5. Minderheiten
China zählt 56 Nationalitäten eingeschlossen der Han-Nationalität, die sich als der Volksstamm begreift, der den Staat China begründete. Ihr Anteil der Bevölkerung liegt bei etwa 94 %. Die restlichen 6 % verteilen sich auf die Minderheiten, die zu größten Teilen in autonomen Gebieten leben. Entsprechend der sprachlichen, kulturellen und geschichtlichen Vielfalt sind auch die musikalischen Ausdrucksweisen äußerst reich an Gegensätzen. Einen Eindruck davon vermittelt allein die Aufzählung einiger der wichtigsten Minderheiten, wie der mongolischen, koreanischen, uigurischen, kasachischen und tadjikischen im Norden und der tibetischen, Hakka-, Naxi-, Dong- und Miao- Nationalität im Süden.
Literatur: Thrasher, Alan: Foundations of Chinese Music - A Study of Ethics and Aesthetics, Middletown 1980. Jones, Stephen: Folkmusic in China - Living Instrumental Traditions, Oxford 1996. Schimmelpenninck, Antoinet: Chinese Folk Songs and Folk Singers - Shan' ge Traditions in Southern Jiangsu, Leiden 1997. Mackeras, Colin: Peking Opera, Oxford 1997.
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