Der chinesische Regisseur Zhang Yuan galt lange Zeit als der junge Wilde. Heute ist er längst etabliert als einer der wichtigsten Vertreter der so genannten Sechsten Generation im chinesischen Kino. Was zeichnet diese aus? Wie arbeiten Filmschaffende in China heute? Und in welchem Umfeld, unter welchen Bedingungen? Zhang Yuan steht exemplarisch für die Problematik einer ganzen Künstlergeneration.
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Filmplakat "I Love You". Bild: © trigon-film | |
In Beijings Buchhandlungen ist das Angebot an Video-CDs und DVDs reichhaltig.
Für den Preis eines günstigen Kinobillets kann man sich hier einen Film
ergattern und ihn zu Hause mit Freunden und Familie anschauen. Doch
gegen die Konkurrenz all der Händler in den Gassen kommt auch das beste
Sortiment einer offiziellen Buchhandlung nicht an. In den winzigen Geschäften
der Raubkopienhändler decken sich Filmfans regelmäßig mit Neuheiten
und Klassikern, von Blockbustern bis Raritäten aus allen möglichen Ländern
ein, und das zu höchstens einem Drittel des Preises einer legal hergestellten
DVD oder Video-CD.
Vor einigen Jahren noch undenkbar, lassen sich heute im DVD Sortiment einer chinesischen Buchhandlung auch Filme von Zhang Yuan 1, dem einstigen "enfant terrible" der chinesischen Filmszene finden. Zhang Yuan stammt ursprünglich aus dem südlichen Nanjing, wo er 1963 geboren wird und sein erstes Lebensjahrzehnt verbringt. Nach dem Abschluss des Filmstudiums an der Beijinger Filmakademie 1989 wird er einem Filmstudio der Armee zugeteilt, beschließt aber, als freischaffender Filmemacher zu arbeiten.
GENERATION DER KULTUREVOLUTION
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Szene aus "Life on a String" von Chen Kaige. Bild: © trigon-film | |
Die Situation für Zhang und seine Kolleginnen und Kollegen, die etwa zur selben Zeit
ihr Filmstudium abschließen, ist sehr schwierig. Die blutige Niederschlagung
der Studentenunruhen im Juni 1989 bedeutet eine Zäsur auf allen Ebenen.
Die achtziger Jahre unter einer verhältnismäßig liberalen Regierung,
mit einer literarisch blühenden Phase, den erfolgreichen Filmen der
so genannten "Fünften Generation" 2
und einer wachsenden kulturellen Vielfalt sind zu Ende.
Mit der enormen Ausdruckskraft ihrer Bilder und einem kritischen Blick auf die chinesische Kultur und Geschichte hatten die Filmemacher der Fünften Generation einige Jahre zuvor das chinesische Kino entscheidend verändert und ihm zu internationaler Anerkennung verholfen. Die Kulturrevolution und die Erfahrung, zusammen mit Millionen anderer junger Städter aufs Land verschickt zu werden, wurden bei einem Großteil von ihnen zum Ausgangspunkt ihres Schaffens.
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Stil aus "Der Pferdedieb" von Tian Zhungzhuang. Bild: © trigon-film | |
Zu den Studenten und Studentinnen, die 1978 ihr Studium an der Beijinger Filmakademie
als Studierende der Fünften Generation antreten konnten, gehörten Chen
Kaige (Yellow Earth, Life on a String, Farewell My Concubine, Together),
Zhang Yimou (Red Sorghum, Judou, To Live, Hero), Tian Zhuangzhuang
(Horsethief, The Blue Kite, Springtime in a Small Town), Sun
Zhou (Heartstrings, Zhou Yu's Train), Li Shaohong (Bloody
Morning, Family Portrait, Blush), Ning Ying (On the Beat, I Love
Beijing), Zhou Xiaowen (Ermo, The Emperor's Shadow), Zhang
Junzhao (One and Eight). Sie waren die ersten Studierenden überhaupt,
die die Akademie unter tausenden von Bewerbern ausgewählt hatte und
nach der durch die Kulturrevolution bedingten über zehnjährigen Schließung
zum Studium zuliess.
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| Werbeplakat für "Beijing Bicycle" von Wang Xiaoshuai. Bild: © trigon-film | |
Nach dem Abschluss ihres Studiums werden die Absolventen üblicherweise einer
"Danwei", einer Arbeitseinheit, zugeteilt. Nur über die Danwei bekommt
man eine Wohnung und hat man Anrecht auf eine Niederlassungsbewilligung,
medizinische Versorgung, Versicherungen und ähnliches. Für die Vertreter
der Fünften Generation war es geradezu ein Glücksfall, Anfang der achtziger
Jahre nach Abschluss ihrer Ausbildung kleinen Filmstudios abseits der
großen Städte zugeteilt zu werden, wo sie ihre ersten Filme realisieren
konnten.
Für die Sechste Generation stellt sich die Situation rund sieben Jahre später ganz anders dar. Nach den Studentenunruhen stehen viele Arbeitgeber Universitätsabsolventen sehr misstrauisch gegenüber. Junge Filmemacher wie Zhang Yuan, Wang Xiaoshuai (The Days, So Close To Paradise, Beijing Bicycle), He Jianjun (The Postman), Zhang Ming (Rainclouds Over Wushan), Lu Xuechang (The Making of Steel, A Lingering Face, Cala My Dog), Lou Ye (Suzhou River, Purple Butterfly), Liu Bingjian (Men and Women, Cry Woman) oder Wang Quan'an (Lunar Eclipse), die soeben ihre Ausbildung abgeschlossen haben und begierig sind, ihre eigenen Vorstellungen filmisch umzusetzen, wissen genau, dass sie unter diesen Umständen kaum eine Chance bekommen werden, einen eigenen Film in dem Studio zu drehen, welchem sie zugeteilt worden sind. Sie wissen aber auch, dass die Alternative eine besondere Form von Unabhängigkeit bedeutet: ohne Unterstützung eines staatlichen Studios kann man keine Filmgenehmigung beim Filmbüro beantragen, was wiederum heißt, dass man keine Chance hat, mit seinen Werken auf den chinesischen Filmmarkt zu gelangen. Dennoch wählen viele diesen Weg und legen damit den Grundstein für das unabhängige Filmschaffen in China.
1
Der Gebrauch der Namen folgt dem in China üblichen Muster: die Familiennamen werden dem Vornamen vorangestellt (eine Ausnahme ist der taiwanische Regisseur Li An, der im Westen als Ang Lee bekannt ist).
2
In China ist die Einordnung von Filmemachern nach Generationen üblich. Als "Fünfte Generation" werden die Filmstudenten bezeichnet, die ihr Studium 1982 abschlossen.

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