MODERNES LEBENSGEFÜHL
Asian Union Film produziert auch den nächsten Film von Zhang Yuan, Green Tea, dessen Dreharbeiten bereits mit viel Publizität bedacht werden. Zhang Yuan filmt praktisch ausschließlich in Bars und Restaurants der Beijinger Yuppieszene und wartet in diesem Spielfilm mit hochkarätiger Besetzung auf: der Schauspieler und Regisseur Jiang Wen und der weibliche Star Zhao Wei sind in den Hauptrollen zu sehen, für die Kamera zeichnet sich Christopher Doyle verantwortlich, der als Kameramann von Wong Kar-wai dessen Stil maßgeblich mitgeprägt hatte, und für den Soundtrack engagiert Zhang den Komponisten Su Cong, der für seine Musik zu Bertoluccis The Last Emperor mit einem Oscar ausgezeichnet worden war. Zhang Yuan räumt in einem Gespräch mit chinesischen Journalisten ein, für die Starbesetzung seien nicht zuletzt auch die Geldgeber dieser Produktion verantwortlich, der chinesische Film sei bereits im "Zeitalter des Produzentenkapitals" angelangt.
Der Film wird mit einem beträchtlichen Werbeaufwand lanciert, kommt aber wegen der Lungenkrankheit SARS im August 2003 mit einem halben Jahr Verspätung in die Kinos. Die gestylte Inszenierung fasziniert visuell dank der beeindruckenden Kameraführung Doyles und vemittelt mit den Interieurs der Beijinger In-Lokale, der geschickt eingesetzten Musik und einem Touch Avantgardekunst ein modernes Lebensgefühl.
Die Geschichte eines Mannes, der sich von zwei ganz unterschiedlichen Frauen (von Zhao Wei in einer Doppelrolle dargestellt) angezogen fühlt und immer mehr zur Überzeugung gelangt, dass es dieselbe Person ist, in welche er sich verliebt, scheint das chinesische Publikum aber nicht besonders zu berühren. Kritiker und Publikum ziehen es vor, in den Medien und im Internet endlose Diskussionen über die beiden Darsteller zu führen, zu rätseln, ob die beiden Frauen nun ein und dieselbe Person seien oder nicht und Zhang zu fragen, ob er hofft, dass der Film ins Oscar Rennen geschickt wird. Tatsächlich beantragt Asian Union Film, dass Green Tea von China für die Oscar Nomination 2004 als bester ausländischer Film vorgeschlagen wird, was für Zhang wiederum, wie er in Interviews wiederholt betont, nicht von Bedeutung sei .
Zhang Yuan beweist mit all seinen Filmen, die die Zensur mehr oder weniger unbehelligt passiert haben, dass es ihm auch als etabliertem Regisseur gelingt, sich mit Lebensformen, Figuren und Problemen der chinesischen Gesellschaft souverän auseinander zu setzen. Auch wenn es ihm in seinem neueren Schaffen nicht immer gelingt, an die Tiefe und Eindringlichkeit seiner früheren Filme heranzukommen, so erstaunt und beeindruckt er doch immer wieder mit seiner Fähigkeit, ganz unterschiedliche Themen aufzugreifen und sie stilsicher zu inszenieren.
GEFILMTES PUBLIKUM
Eine Shanghaier Zeitung berichtete von der Premiere von Green Tea, dass das Publikum im Anschluss an die Premiere in der Hafenstadt mit einer Spezialvorführung eines weiteren Films überrascht wurde: man hatte den Kinosaal mitsamt den Anwesenden während der ganzen Projektion gefilmt. Nicht etwa, um den historischen Moment dieser Premiere festzuhalten, nein, sondern ganz einfach als subtile Warnung an allfällige, mit versteckten Kameras ausgerüstete Missetäter im Publikum.
Die DVD Version von Green Tea ist inzwischen bereits in Chinas Buchhandlungen zu kaufen und mit Bestimmtheit auch in einer illegalen Version bei den Händlern in den Gassen Beijings zu finden. Mit all den Werken Zhangs, die in den ersten zehn Jahren seines Schaffens entstanden sind, wird es wohl umgekehrt sein: nach und nach werden sie in den Gassen Beijings auftauchen, und vielleicht können sie eines Tages auch in den offiziellen Geschäften erstanden werden.
Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrages war nicht bekannt, welchen Film China für die Oscar Nominationen 2004 einreichen wird.

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