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Zauber der bewegten Bilder
Von der Liebe zum Kino und den ersten Filmfreaks in China erzählt Ann Hus "Shadow Magic"
von Carmen Sztob





Wie könnte es gewesen sein, als der Film nach China kam - als sich die Faszination am bewegten Bild über die ersten Pioniere des Zelluloids auf die Zuschauer übertrug? Ann Hus "Shadow Magic" erzählt die fiktive Version eines ersten Kontakts und stellt dabei den Aufeinanderprall von westlicher und östlicher Kultur in den Vordergrund. All das basiert auf einer wahren Geschichte, auch wenn der Name des ausländischen Filmpioniers nicht bekannt ist.

China 1902: Das Leben wird von Tradition und Konventionen beherrscht, der beginnende Einfluß des Westens mit Mißtrauen betrachtet. Liu Jinglun, Assistent eines Photographen, ist fasziniert von den Errungenschaftten moderner Technik. Als nicht gerade wohlhabender junger Mann in Bejing lebt er in einem sensiblen Gleichgewicht zwischen Plichterfüllung gegenüber den traditionellen Instanzen und seiner Neugier an innovativer Spielerei.

Ein Gleichgewicht, das schnell ins Wanken gerät, als ein westlicher Filmpionier die Stadt erreicht. Bewaffnet mit einer Kamera und ein paar Dutzend Kurzfilmen, hauptsächlich der Lumiere Brüder, hat Raymond Wallace sich zum Ziel gesetzt, sein Glück in Bejing zu machen - keine leichte Aufgabe, wird er doch als englischer Außenseiter erst einmal mit beflissener Mißachtung boykottiert.

Über Lius Interesse an dem neuen Medium und findige Hilfestellung entsteht eine Freundschaft zwischen den ungleichen Männern. Lius anfängliche Faszination an den technischen Möglichkeiten des Films entwickelt sich schnell zu einem visionären Verständnis der metaphysischen und politischen Dimensionen des Kinos - nicht nur als Mittel, Bilder der Ferne zu den Menschen zu bringen, sondern auch deren eigene Kultur für die Ewigkeit festzuhalten und damit sich selbst zu reflektieren.

Wallace Show "Shadow Magic" wird mit Lius Hilfe populär, er wird zu Wallace Partner. Doch Lius Liebe zum Film bringt ihn in Konflikt mit dem, was von ihm erwartet wird. Die neue Show wird von seinem Chef und Mentor Master Ren als Bedrohung empfunden, seine Involviertheit als Betrug betrachtet. Sein Vater will ihn mit einer wohlhabenden Witwe verheiraten, an der er nicht interessiert ist und Wallace Ideen von Selbstbestimmtheit lassen ihn gegen die arrangierte Heirat rebellieren. Die Frau, die er tatsächlich liebt, ist die Tochter eines Stars der Peking Oper und scheint für Liu nur erreichbar zu sein, wenn er sein Glück außerhalb der vorgegebenen Wege macht.

Der Film entwickelt in epischer Weise das Bild einer Gesellschaft, die vor dem Wandel zurückschreckt. Ann Hu fokussiert auf den Zusammenprall von westlicher und ostlicher Kultur, der im Gegensatz von traditioneller Kunst und dem modernen Medium Film zum Sinnbild gerinnt - und deutet zugleich auf die Vision einer Versöhnung hin, wenn Liu am Ende des Films einen Auftritt des Stars der Peking Oper für die Nachwelt auf Zelluloid festhält.

Ann Hus "Shadow Magic" ist großartig photografiert und reflektiert die Liebe zum Film schon auf der eigenen bildhaften Ebene. Gefilmt in den Bejing Film Studios macht der Film ausgiebigen Gebrauch von den dort verfügbaren Kostümen, Sets und Requisiten. Hu setzt dabei eher auf Farbigkeit und den überwältigenden optischen Eindruck als auf eine realistische Repräsentation des Chinas der Jahrhundertwende. Auch wenn der Film hier eine beeindruckende optische Präsenz gewinnt, die mit seinem Anspruch, von der Faszination am Kino zu erzählen korreliert, liegt hier doch zugleich seine Schwäche.

Es mangelt ihm an Subtilität und Substanz. Allzu schematisch und oberflächlich stellt sich der Konflikt zwischen den Kulturen dar. Über gängige Klischees kommt der Film weder hier, noch in der Darstellung der Zuschauerreaktionen auf die ersten bewegten Bider hinaus. Mit wenigen Ausnahmen bleibt die Charakterzeichnung und Konfliktdarstellung trotz aller bildlichen Farbigkeit blaß und vorhersehbar.

Ein Vorwurf, der nicht den Schauspielern zu machen ist, die ihr Handwerk verstehen. Es ist das Script, das in seiner epischen Erzählweise zuwenig Raum für Imagination und eigene Vorstellung läßt - ein wirkliches Mitleiden in den Konflikten der Protagonisten bleibt aus.

"Shadow Magic" ist in vielen Sequenzen eine Hommage an Vertovs "Mann mit der Filmkamera" - dessen intellektuelle Tiefe und beeindruckende filmische Präsenz erreicht er jedoch nicht. Er erinnert mehr an die überladene Nostalgie eines "Cinema Paradiso" - nicht ohne Reiz und kurzweilig durch die bildliche Pracht, doch ohne großen Nachhall.

Ann Hu gehörte zu den ersten Studenten aus China, die nach der Kulturrevolution ein Studium in den USA begannen. Zunächst im Bereich der Wirtschaft tätig, beschloss sie nach einem Treffen mit dem bekannten Regisseur Chen Kaige ihr Glück im Film zu machen. Ihr 16mm Kurzfilm "Dream and Memory" (1994) fand international große Anerkennung bei der Kritik. "Shadow Magic" ist ihr Regiedebüt und die erste Co-Produktion zwischen Filmstudios des chinesischen Festlandes und Taiwans. Darüber hinaus war neben weiterer internationaler Produktion auch die Berliner Firma Road Movies an der Herstellung beteiligt.

Zur Homepage von "Shadow Magic"


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