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Eine Runde Golf oder eine Partie Xiangqi – für Freundschaft und gute Geschäfte in China

Prof. Yu-Chien Kuan.
Bild: © Daniel Blank

Sie sind Botschafter der deutsch-chinesischen Freundschaft: Professor YU-CHIEN KUAN (75), der 30 Jahre lang Sinologie an der Universität Hamburg gelehrt hat, und seine Frau PETRA HÄRING-KUAN (56). Gemeinsam haben sie einen aktuellen „China-Knigge“ verfasst, der innerhalb von sechs Monaten nach der Veröffentlichung bereits zum dritten Mal aufgelegt worden ist. DR. RENÉ GRALLA hat das Autorenpaar in der Hansestadt getroffen.

DR. RENÉ GRALLA: Seit Mitte Februar leben wir im chinesischen Jahr des Schweins. Genauer gesagt: im Jahr des „goldenen“ Schweins, das nur alle 60 Jahre wiederkehrt.
YU-CHIEN KUAN: Das wird nach landläufiger Meinung in China ein glückliches Jahr für alle, insbesondere für diejenigen, die ein Kind zur Welt bringen.

Die Menschen in Europa schauen fasziniert nach Asien, bewundern die chinesische Kultur.
YU-CHIEN KUAN: Taoismus,  Konfuzianismus und Buddhismus haben unsere Nation geprägt. Wir streben nach Harmonie, akzeptieren andere Kulturen und Religionen, gleich welchen Ursprungs. Ein Beispiel: Im 13. Jahrhundert sind jüdische Einwanderer in das Reich der Mitte gekommen, und die Traditionen der Immigranten sind eine perfekte Symbiose eingegangen mit der uralten chinesischen Kultur. Ganz anders in Europa: Dort wurde der eine Gott gegen den anderen Gott ins Feld geführt - mit den bekannten schrecklichen Folgen.

Chinas Geschichte ist aber nicht immer harmonisch verlaufen. Bürgerkriege zerrissen das Land; berühmt und berüchtigt ist die Zeit der Streitenden Reiche von 475 bis 221 vor Christus, ein beliebtes Thema in Kung Fu-Filmen.
YU-CHIEN KUAN: Diese Auseinandersetzungen waren aber nicht nach außen gerichtet. Auslöser waren Missernten und Hungersnöte: Die Bauern griffen zu den Waffen, weil sie nichts mehr zu essen hatten.

Nach einer Schwächeperiode im 19. und 20. Jahrhundert steigt China zur Supermacht im dritten Jahrtausend auf. Einige Nachbarn fühlen sich davon bedroht.
YU-CHIEN KUAN: China hat 1,3 Milliarden Menschen, Japan zählt etwas mehr als 100 Millionen. Trotzdem ist Japans Militärbudget höher als das der Chinesen, während die Japaner gleichzeitig behaupten, dass wir Chinesen aggressiv seien. Und auch die USA geben sieben- bis neunmal mehr Geld für ihre Streitkräfte aus als die Volksrepublik. Ich frage Sie: Wer bedroht hier eigentlich wen?!

Was ist die wichtigste Regel im privaten Umgang mit Chinesen?
YU-CHIEN KUAN: Zeigen Sie niemals Überheblichkeit! Im Vergleich zu anderen Völkern sind die Europäer immer sehr reich gewesen, und daraus folgt eine Arroganz, die sich bis heute im Verhalten einiger Touristen niederschlägt. Die Chinesen verbeugen sich gerne, das gebietet die Höflichkeit. Mit Unterwürfigkeit hat das nichts zu tun, leider wird das von manchen Ausländern missverstanden.

Chinas Wirtschaft boomt, viele Manager fliegen in die Volksrepublik. Auf welche Besonderheiten sollten sich Geschäftsbesucher einstellen?
YU-CHIEN KUAN: Zu Geschäftsverhandlungen gehört immer ein Essen. Die werden nicht nur nüchtern im Büro abgewickelt, wie das in Deutschland üblich ist.
PETRA HÄRING-KUAN: Jüngere Geschäftsleute laden gerne auch zu einer Runde Golf ein. Chinesen legen nämlich Wert darauf, eine persönliche Beziehung zu einem Geschäftspartner aufzubauen. Sie möchten den Menschen kennenlernen, um sich im Klaren darüber zu werden, ob sie mit dem Gegenüber auch eine vertragliche Bindung eingehen wollen.

Geschäftsreisende aus dem Westen gehen neue Projekte oft zu direkt an?
P. HÄRING-KUAN: Gleich nach der Ankunft über Business zu reden, das finden Chinesen geradezu unmenschlich.

Die Chinesen nehmen sich offenbar mehr Zeit.
P. HÄRING-KUAN: Ja. Und dazu gehört, seine Besucher aufmerksam zu betreuen. Nach einem anstrengenden Tag voller Meetings wird Sie niemand allein ins Hotel fahren lassen. Chinesen organisieren auch ein Freizeitprogramm, sie kümmern sich einfach um ihre Gäste.

Chinesen arbeiten hart. Und trotzdem finden sie Muße für eine Runde Zocken zwischendurch. In der Suppenküche und auf dem Markt, überall wird gerne mal eine Partie Schach geschoben. Das heißt in China „XiangQi“ und hat spezielle Regeln: Runde Steine wandern über ein Gitternetz. Wie ist es möglich, dass ein höchst anspruchsvolles Spiel wie das XiangQi in der Volksrepublik derart beliebt und verbreitet ist?
YU-CHIEN KUAN: Nehmen Sie die englische Sprache. Sie weist 26 Buchstaben auf und ist deswegen deutlich weniger komplex als das Chinesische. Im Amerikanischen wird das Englische noch weiter vereinfacht, aber wer eine reduzierte Sprache spricht, der tut nichts dafür, dass sein Gehirn fit und beweglich bleibt. In China dagegen lernen die Menschen von Kindesbeinen an komplizierten Schriftzeichen, und ihr Geist wird ständig gefordert. Schließlich können Sie keine Zeitung lesen, wenn Sie sich nicht wenigstens 3000 Schriftzeichen angeeignet haben. So entwickeln und schulen die jungen Chinesen ihren Verstand, und auch in der Freizeit beschäftigen sie sich gern mit komplizierten Dingen, Stichwort: chinesisches Schach.

Sind die Chinesen am Ende doch schlauer als der Rest der Welt?

YU-CHIEN KUAN: Schlauer möchte ich nicht sagen ...
P. HÄRING-KUAN: ... das ist reines Training, Minderwertigkeitskomplexe sollte man deswegen nicht haben. Während der chinesische Nachwuchs jahrelang Schriftzeichen büffelt, haben europäische Altersgenossen Zeit, an neuen Maschinen herumzutüfteln.

Findet ein Tourist, der XiangQi beherrscht, in China leichter Kontakt, trotz aller Sprachbarrieren?
P.HÄRING-KUAN: Selbstverständlich. Sie werden jeden Chinesen überraschen, wenn Sie ihm sagen, dass Sie chinesisches Schach spielen. Schließlich müssen Sie vorher wenigstens die Schriftzeichen auf den Steinen gelernt haben, und das ist ja nun mal nicht so einfach.

Kann ein ausländischer Geschäftsmann eine persönliche Brücke zu seinen chinesischen Partnern bauen, indem er ohne Angeberei, sondern eher beiläufig zu erkennen gibt, dass er ein wenig vertraut ist mit dem XiangQi?
YU-CHIEN KUAN: Natürlich, Chinesen freuen sich sehr darüber. Denn damit zeigen Sie, dass Sie etwas wissen über unsere Kultur. Zu der neben Musik und Literatur, Kalligraphie und konfuzianischer Philosophie eben auch das chinesische Schach gehört.

Falls ein Chinese den Gast zu einer Partie XiangQi fordert und der Ausländer kommt nach einer glücklichen Wendung sogar in Vorteil: Soll der Betreffende das tatsächlich ausnutzen und womöglich gewinnen? Oder wäre das eine Beleidigung, weil der Chinese sein Gesicht verliert?

YU-CHIEN KUAN: Nein, dann müssen Sie den anderen eben beleidigen! Das hilft ihm, künftig besser zu spielen.

Gilt das auch für ein Match unter Geschäftsfreunden?!
YU-CHIEN KUAN: Das ist etwas anderes, da müssen Sie ganz vorsichtig sein! (lacht)

Petra Häring-Kuan und Yu-Chien Kuan.
Bild: © René Gralla

Frau Häring-Kuan, im August 2007 bringen Sie einen Roman heraus, „Chinesisch für Anfänger“. Das Thema?
P. HÄRING-KUAN: Eine Liebesgeschichte zwischen einer Deutschen und einem Chinesen. Und gleichzeitig erfahren die Leser viel über das Leben in Schanghai: mit Episoden in der Sprachschule, beim Friseur oder Masseur.

Wie viel Persönliches steckt in dem Buch?
P. HÄRING-KUAN: Gar nichts. Aber einige meiner Freunde finden sich darin wieder.

Und Ihre nächsten Projekte, Professor Kuan?
YU-CHIEN KUAN: Mehrere Publikationen sind in Vorbereitung, abgesehen davon, dass ich regelmäßige Kolumnen für chinesische Zeitungen schreibe. Außerdem bin ich Vorsitzender des neu gegründeten Vereins „Chinesisch-deutscher Kulturaustausch“. Wir wollen helfen, wechselseitige Missverständnisse zwischen beiden Völkern abzubauen. Damit sich Deutsche und Chinesen noch besser kennen lernen.

Aktuelles Buch von Petra Häring-Kuan und Yu-Chien Kuan: „Der China-Knigge“ (Fischer Verlag, 320 Seiten, 7,95 Euro)

Regeln des Chinaschachs auf der Homepage des Deutschen XiangQi-Bundes

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