Eine menschliche Tragödie vor dem Hintergrund der chinesischen Studentenunruhen 1989.
»Alle waren überrascht, als Professor Yang im Frühjahr 1989 einen Schlaganfall erlitt.« So beginnt der chinesische Student Jian den Bericht über die Zeit, in der seine Welt sich zu verrücken begann. Jeden Tag wacht er am Krankenbett seines Lehrers und zukünftigen Schwiegervaters, eines angesehenen Literaturprofessors der Universität in Shanning. Doch plötzlich beginnt Herr Yang wirres Zeug von sich zu geben: er fleht um Gnade, singt Revolutionslieder, schwärmt von einer Geliebten, beschimpft Familie, Kollegen und das Hochschulsystem, in dem ein Gelehrter nicht mehr wert sei als ein Vieh auf der Schlachtbank. Während Jian damit beschäftigt ist, den geheimnisvollen und nicht ungefährlichen Äußerungen einen Sinn zu entlocken, gewinnt die politische Auseinandersetzung zwischen Studenten und Staatsmacht an Schärfe. Gleichzeitig ziehen sich die Maschen eines Netzes von Intrigen immer enger um Professor Yang und seinen Studenten. Und Jian, der sich selbst als unpolitisch versteht, muss erkennen, dass ihn die politische Führung einerseits und sein moralisches Empfinden andererseits über kurz oder lang dazu zwingen Farbe zu bekennen.
›Verrückt‹ ist Ha Jins bislang politischster Roman (und übrigens sein erster in der Ich-Perspektive). Kunstvoll werden darin die Zeichnung fein beobachteter Einzelschicksale mit einem intensiven Porträt der chinesischen Gesellschaft Ende der 1980er verschränkt. Die unheilvollen Schatten der Kulturrevolution liegen immer noch über diesem Land, das sich die Zukunft in grell bunten Farben auf die Fahnen geschrieben hat.
Ha Jin erzählt vom Leben in einem System, in dem es keine unpolitische Existenz gibt – nicht für den Wissenschaftler, nicht für den Künstler, nicht für den Angepassten und schon gar nicht für den heimlich oder offen Aufbegehrenden. Die Freiräume der Protagonisten sind schmal und sie nutzen sie unterschiedlich geschickt. Und während die einen in dieser Gesellschaft, in der der Einzelne und seine Bedürfnisse keine Rolle spielen, sich noch mit der Frage nach dem individuellen Glück beschäftigen, haben die anderen die Hoffnung längst aufgegeben und suchen nur noch nach dem momentanen persönlichen Vorteil. Schaden genommen haben sie alle. Die moralischen Maßstäbe sind ver-rückt, die Beziehungen sind zerrüttet. Und doch bricht Jian am Ende mit der Hoffnung auf ein neues Leben außerhalb Chinas auf.
Der ›Boston Globe‹ zeichnete das Buch als ›Notable Book of the Year‹aus.